Sonntag, 16. September 2012

Antike Besiedlung auf den Azoren?

                                         Ruinen von Karthago


Im Internet kursieren gerade einige Artikel, die die Besiedlung der Azoren, einer Inselgruppe im Atlantik, im neuen Licht erscheinen lassen. Bisher war nur bekannt, das die Portugiesen die Inseln im 15. Jh. erstmals entdeckten. Doch nun kristallisiert sich immer mehr heraus, das bereits in früheren Jahrhunderten Seefahrer die Inseln besuchten. So will der portugiesische Archäologe Nuno Ribiero Spuren einer karthagischen Besiedlung aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. gefunden haben. Von der punischen Stadt Karthago an der Küste Nordafrikas, einst eine Rivalin Roms, war bereits früher bekannt, das sich ihre Handelsrouten auch jenseits von Gibraltar an der Südküste Spaniens erstreckten. Doch eine Reise bis zu den Azoren hielt man bisher für unmöglich. Die frühen Seefahrer hielten sich meist an den Küstenverläufen und fuhren nur ungern über dem offenen Ozean.

Besonders der Atlantik war von Legenden umrankt. Die alten Griechen hielten ihn für den Oceanos, das mythischen Weltmeer, das die Oikomene, die bewohnbare Welt, umspühlt. Den Karthagern war dies nur Recht. Sie streuten sogar absichtlich Legenden, um dieses Gebiet als unbefahrbar erscheinen zu lassen. Etwa um 500 v. Chr. sperrten sie die Meerenge von Gibraltar, zu dieser Zeit als die "Säulen des Herakles" bekannt und sicherten sich so ein Monopol auf die Handelsrouten jenseits der Meerenge. Diese reichten von der Küste Nordwestafrikas bis hin zu den britischen Inseln, wo Zinn gehandelt wurde. Karthago war eine Gründung der ebenfalls seefahrenden Phönizier, den nördlichen Nachbarn der Israeliten. Von diesen Phöniziern ist eine außerordentliche seefahrerische Leistung bekannt. Im Auftrag des ägyptischen Necho II. umfuhren sie um 600 v. Chr. vom Roten Meer ausgehend den afrikanischen Kontinent. Der Wahrheitsgehalt dieses Wagnisses wird durch eine Bemerkung des Chronisten untermauert, dass bei der Umsegelung des Kaps der guten Hoffnung die Mittagssonne zur Rechten gestanden habe, was von den Zeitgenossen allerdings ungläubig aufgenommen wurde.

Doch zurück zu den Azoren. Bereits 1749 wurde nach einem Sturm am Strand der Insel Corvo Fundamente eines Steinhauses freigespült. Dabei kam ein schwarzes Tongefäß zu Tage, gefüllt mit Münzen aus Karthago und Kyrene, die um 330 bis 320 v. Chr. datieren. Im 18. Jahrhundert war noch recht wenig über Carthagische Münzen bekannt, so das eine absichtliche Deponierung eines Münzsammlers wohl auszuschließen ist. Insbesondere wäre es ihm wohl nicht gelungen, Münzen aus diesem engem Zeitraum zusammenzustellen.

Bei den neuen Fundstellen soll es sich um eine "signifikante" Anzahl von Tempeln handeln, die der Gottheit Tanit geweiht waren. Darunter befinden sich nach Aussage der Archäologen fünf aus dem Fels gehauene Gräber und drei ebenfalls in aus dem Fels gehauene "protohistorische" Heiligtümer. Ein bei "Monte do Facho" gelegenes Monument hatte vermutlich eine Überdachung, da sich "dutzende" von Pfostenlöchern fanden. Ebenso fanden sich in Stein gehauene Sitzgelegenheiten.

In einem Internetartikel berichtet Ribiero auch von Felsmalereien, die bis in die Bronzeit zurückreichen sollen. Auch aus römischer Zeit soll sich eine Inschrift erhalten haben. Seine Entdeckungen präsentierte Ribiero erstmals auf zwei Kongressen im Jahr 2011, dem SOMA Mediterranean Archeology Congress im März 2011 bei der Universität von Catania (Italien) und dem SEAC Congress in Evora (Portugal).

Ich werde auf jeden Fall dranbleiben und neues berichten, wenn sich etwas ergibt.

Erdställe

Was ist eigentlich ein Erdstall? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wenn sie ein gutes Lexikon zur Hand haben, finden sie vielleicht die Erklärung, dass es sich dabei um ein im Mittelalter gegrabenes unterirdisches Gangsystem mit kammerartigen Erweiterungen handelt. 

In Bayern ist vor allem die Bezeichnung „Schrazelloch“ verbreitet, da die Gänge stellenweise so eng sind, dass man sich nur vorstellen konnte, sie wären von Zwergen (Schrazeln) gegraben worden. Verbreitet sind sie in Bayern und Österreich, auffallenderweise meist an Orten, wo es keine natürlichen Höhlen gibt und sich der Untergrund für solche Anlagen eignet. Aber auch in Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn kennt man solche Stollen. Erdställe durchziehen oft labyrintisch Kirchberge, Friedhöfe und den Untergrund alter Siedlungsplätze. Typisch sind niedrige Gänge und Kammern, die durch äußerst enge runde Schlupflöcher miteinander verbunden sein können. Kennzeichnend ist auch der scheinbar irrationale Aufbau der Erdställe. Die Gänge sind äußerst verwinkelt und es ist in der Regel kein Schema zu erkennen. Leider haben die damaligen Benutzer nicht die Freundlichkeit besessen, etwas zu hinterlassen, weshalb eine Datierung schwierig ist. Es wird aber angenommen, dass sie etwa im 10. bis 12. Jahrhundert entstanden sind. 

Ein schönes Beispiel eines Erdstalles ist die Anlage von Mittelschneidhart, die 1991 entdeckt wurde. Allerdings wurde der Forscherdrang der Archäologen auf eine harte Probe gestellt, da Gülle eines Bauernhofes in das bei Baggerarbeiten aufgedeckte Loch geflossen war. Die Begehung stellte sich daher naturgemäß als etwas schwierig heraus. Sie lieferte ein Indiz für eine mögliche kultische Nutzung, da man an einer Stelle kurz durch Grundwasser tauchen musste, um in weitere Bereiche des Gangsystems zu gelangen. Die Archäologen vor Ort ließen sich auch davon nicht abschrecken, auch wenn das Wasser immer noch von der Gülle verunreinigt war (was nimmt man nicht alles für die Forschung auf sich). Einige Forscher sehen in solchen Passagen Hinweise auf einen Initiationsritus, allerdings ist dies schwierig zu belegen. Es darf nicht vergessen werden, das die Erdställe offenbar in einem bereits christianisierten Umfeld angelegt wurden. Solche heidnischen Kulte wären wohl kaum von der Kirche toleriert worden. Die gesamte Ausdehung der Mittelschneidharter Stollen konnte aufgrund grabungstechnischer Schwierigkeiten leider nicht ermittelt werden. Allerdings ergab die Grabung, dass der Erdstall vermutlich im 15. Jahrhundert verfüllt wurde.

Neben der kultischen Deutung gibt es aber auch noch andere Theorien. Eine Deutung als Zufluchtsort konnte sich bisher nicht durchsetzen, da ältere oder gebrechliche Menschen größte Schwierigkeiten haben dürften, die Gangsysteme zu passieren. Auch ist der Sauerstoffgehalt in der Luft bei längerem Aufenthalt kritisch, da sich das ausgeatmete Kohlendioxyd an den tiefsten Stellen sammelt. Näher liegt da schon die Interpretation als Leergräber (Kenotaphe). Solche Leergräber wurden in manchen Kulturkreisen angelegt, da man glaubte, dass der Tote oder dessen Seele sich dort aufhalten würden. Die Theorie besagt, dass bei der Neugründung einer Siedlung die Angehörigen einen Platz für ihre Toten haben wollten, die sie nicht mitnehmen konnten. Tatsächlich befinden sich Erdställe oft unter den ältesten Häusern eines Ortes. Doch was auch immer zutreffend ist, ob Ort eines Initiationsritus oder Leergrab, faszinierend sind diese Anlagen in jedem Fall.

Erstveröffentlichung: suite 101.de

Samstag, 15. September 2012

Exkurs: Fundumstände

Um zu verstehen, wie schwierig das Thema "Out of Place Artifacts" für Archäologen ist, möchte ich hier auf einige Grundlagen eingehen. Das wichtigste, das ein Archäologe bei einem Fund gewinnen kann, sind Informationen. Auch wenn die Technik schon weit fortgeschritten ist, und Luftbildarchäologie oder Bodenradar schon seit Jahren genutzt werden, bleibt die Ausgrabung immer noch die wichtigste Quelle von Ur- und Frühgeschichtlichen Wissenschaftlern.

Wichtige Informationen kann man z. B. durch die Vergemeinschaftung mit anderen Funden gewinnen, deren Alter und Kulturzugehörigkeit bereits bekannt ist. Besonders ergiebig sind dabei Gräber, denn da weiss man sehr genau, dass die Funde aus einem Grab gleichzeitig sein müssen. Ein anderes Beispiel wäre eine Siedlung, in deren Überresten verschiedene Schichten zu finden sind. Hier kann man zumindest erschließen, welche Funde älter und welche jünger sind. Hinzu kommen noch naturwissenschaftliche Datierungen, wie die C14-Methode. Diese Spuren setzt der Archäologe wie in einem grossen Puzzle zu einem Bild zusammen. Wenn aber beispielsweise ein archäologischer Fund durch Raubgräber geborgen wird, werden diese Spuren zerstört und Informationen können, abgesehen von den bereits erwähnten naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden, in der Regel nur aus dem Aussehen des Fundes selbst gewonnen werden. Dies ist aber mitunder leicht zu fälschen. Da solche "Funde" meist auf dem Schwarzmarkt verkauft werden und oft viel Geld im Spiel ist, zeigen die Fälscher oft eine nicht zu unterschätzende kriminelle Energie um den Fund so authentisch wie möglich aussehen zu lassen. Vor einigen Jahren war z. B. ein solches Fälscher-Netzwerk in Israel aktiv und hatte dabei so perfekt gearbeitet, dass die Experten die Fälschungen nur mit Mühe entlarven konnten.

Der langen Rede kurzer Sinn: wer sich mit "out of place artifacts" beschäftigt, bewegt sich auf unsicheren Terrain. Und doch ist es ein spannendes Thema, da sich immer wieder Archäologen zu Wort melden, und gesichert geglaubte Historie neu geschrieben werden muss.

Dienstag, 4. September 2012

Was sind "Out of Place Artifacts"?

In nächster Zeit werde ich mich einem Thema widmen, das schon vor einigen Jahren meine Neugier geweckt hat. Immer wieder erscheinen Bücher von Autoren die Informationen über "sensationelle archäologische Funde" versprechen und dabei kein gutes Haar an etablierten Experten lassen. Dabei fällt oft ein Begriff, die "out of place artifacts". Wörtlich übersetzt bedeutet es etwa "deplazierte Artefakte", was natürlich etwas sperrig klingt, so das die einschlägigen Autoren entweder den englischen Begriff benutzen oder die Abkürzung, "ooparts". Unter Archäologen wird diese Umschreibung so weit ich weiß allerdings nicht verwendet. Gemeint sind archäologische Funde, die nicht in das traditionelle Geschichtsbild passen.

Die veröffentlichten Funde reichen von versteinerten Hämmern, über Kermikgefäßen aus Millionen Jahre alten Kohleflözen bis hin zu angeblichen Knochen von Riesen. Einige Funde sind in Museen der amerikanischen christlichen Bewegung der "Kreatonisten" ausgestellt, andere verstauben in den Kellern archäologischer Museen oder in privaten Sammlungen. Leider sind die meisten Funde entweder aus Altgrabungen oder die Fundumstände sind überhaupt nicht bekannt. So behauptet ein Autor es gäbe aus Nordamerika Funde von außergewöhnlich großen Skeletten, die aus indianischen Mounts stammen. Diese sollen ebenfalls aus Altgrabungen stammen und sind in angeblich in den Magazinen einiger amerikanischer Museen zu finden. Eindeutige Beweise fehlen allerdings bisher. Und doch gibt es ab und zu erstaunliche Funde, zu denen die Bezeichnung "ooparts" gut passen würde. Als kleinen Vorgeschmack für kommende Beiträge gibt es hier einen Link auf einen Beitrag, den ich für die Webseite suite101 geschrieben habe.

Einen Artikel zum Thema ooparts ist auch auf der englischen Wikipedia-Seite zu finden.